Rede von Dietrich Brüggemann, Filmregisseur, am 12.03.2022 im Berliner Mauerpark

Hallo allerseits!

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch: Die erste #friedlichzusammen-Demo vor Weihnachten wurde verboten und fand dann am 26.12. sehr spontan doch statt. Ich hatte befürchtet, dass kaum jemand kommen würde, doch dann waren es an die tausend Leute, Giovanna hielt vor dem Bahnhof Zoo eine Rede und ich dachte: Respekt. Wir sind doch gar
nicht so wenige.

Jetzt stehe ich hier, keine Ahnung, wie viele ihr seid, und halte zum ersten Mal
im Leben eine Rede auf einer Demo.

Ich muss euch zwei Dinge sagen: Ihr seht gut aus. Und ihr traut euch was. Wir erinnern uns alle: Wer im Frühjahr 2020 Zweifel an den Lockdowns und Maßnahmen hatte, die plötzlich über uns hereinbrachen, der war damit allein. Wir saßen im Lockdown und dachten: Das kann nicht wahr sein. Bin ich der einzige, der das beunruhigend findet? Jeder, der heute hier steht, hat einen Preis gezahlt. Anfeindung und Ausgrenzung sind unangenehm. Ausschluss aus der Gruppe ist für uns
Menschen gleichbedeutend mit dem Tod. Niemand lässt sich gern als Idiot, durchgedreht, reaktionär, Schwurbler oder Wissenschaftsleugner beschimpfen. Wir alle haben so etwas über uns ergehen lassen und sind heute trotzdem hier. Warum?

Weil wir überzeugt sind, dass das, was mit Corona passiert ist, die Axt ans Fundament unserer offenen Gesellschaft
legt. Weil wir sehen, dass hier eine Gesellschaft entsteht, in der wir nicht leben wollen. Weil wir überzeugt sind, dass solche Entwicklungen am Anfang bekämpft werden müssen und nicht erst dann, wenn sie sich durchgesetzt haben. Und weil der rabiate Tonfall, in dem eine Diskussion von vornherein verhindert wurde, für sich selbst spricht. Wer seine Gegner so behandelt, der will sie nicht überzeugen – der will sie mundtot machen. Und allein damit zeigt er schon, wer er ist. Die Attacken, mit denen jeder Kritiker von Anfang an überzogen wurde, waren so hässlich und so maßlos, dass man allein daran
schon genug erkennen konnte. Und zum Tonfall kommen dann ja noch die Inhalte dazu. Die kennen wir sowieso alle. Da reichen fünf Minuten auf Google oder Ourworldindata, und mittlerweile, nach zwei Jahren, kann jeder, der nicht den Kopf in den Sand steckt, sich anschauen, wie die Dinge liegen.

Es gibt aber, glaube ich, eine Sache, die wir uns nicht genügend klar machen. Und zwar: Wir sind gar nicht so wenige, wie wir glauben. Ich behaupte: Auf jeden, der sich traut, seine Meinung zu sagen, kommen hundert andere, die sich nicht trauen, die aber dasselbe denken. Die Bedrohung durch den sozialen Tod ist so groß, dass sehr viele Leute nicht bereit sind, dieses Risiko einzugehen. In jedem Zoom-Call und an jedem Arbeitsplatz kann man davon ausgehen, dass ein Drittel oder gar die Hälfte der Leute insgeheim denkt: Oh Gott, wann hört dieser Wahnsinn endlich auf. Sie würden es nur niemals laut sagen.
Und das gilt überall. Das gilt auch für unsere Freunde von der Feuerwehr, von denen ja schon viele sich geoutet haben und heute hier sind – an dieser Stelle: Hallo! Ihr seid super! – aber das gilt genauso für unsere Mitbürger von der Polizei! Schauen Sie sich mal alle Ihre Nachbarn links und rechts gut an – es könnte sein, dass hinter jeder zweiten Maske jemand steckt, der das alles auch unerträglich findet, der jeden Morgen aufsteht und sich denkt: Dafür bin ich nicht Polizist geworden! Man kann es nie wissen, wer was denkt!

Aber wissen Sie was: Das ist auch gar nicht so schlimm! Im Gegenteil! Kritik an der Corona-Politik ist in einer Demokratie so notwendig wie Kritik an jeder anderen Politik auch! Kritik ist kein Verbrechen, es gibt in unserer Rechtsordnung nämlich keine Gedankenverbrechen, sondern Meinungsfreiheit. Und wenn immer mehr Menschen ihre Meinung sagen, anstatt sie zu verschweigen, dann wäre das ein Zeichen einer lebendigen Demokratie, und das sollten wir begrüßen – hier, bei der Feuerwehr, bei der Polizei, überall.

Dietrich Brüggemann am 12.03.22 auf der #friedlichzusammen-Demo im Mauerpark in Berlin


Und in der Sache stehen wir ja ganz gut da. Fast alle Länder beenden ihre Corona-Maßnahmen, Schweden hatte nie so richtig welche und steht mittlerweile besser da als Bayern, ich war letzte Woche in Dublin, Irland, da ist auch nichts mehr, in England ist alles offen, in Dänemark und den Niederlanden und Norwegen und der Schweiz und Polen, sogar Frankreich
fährt die Maßnahmen zurück und ich glaube, wir können nach zwei Jahren Pandemie sagen: Hey, die Horrorprognosen vom Anfang waren etwas übertrieben. Wir können zurück zur Normalität. Ist doch super. Und dafür, dass diese Einsicht sich auch in Deutschland durchsetzt, dafür stehen wir heute hier, und ich glaube, das sieht zurzeit ganz gut aus. Deswegen würde ich uns selber heute empfehlen: Hören wir doch mal auf, uns in der Minderheit zu fühlen. Ermutigen wir die Leute, ihre Meinung zu sagen. Hören wir auch den anderen zu, aber machen wir ihnen klar, dass es eine Normalität gibt, die im Grundgesetz festgeschrieben steht und die man nicht einfach so aushebeln darf, sondern allenfalls temporär und mit gutem
Grund. Nicht wir müssen begründen, warum wir ein Ende aller Maßnahmen fordern – die Politik muss begründen, warum sie Maßnahmen oder gar eine Impfpflicht immer noch für notwendig hält.

Seit einigen Wochen sieht die Welt aber nochmal anders aus. In Europa ist Krieg, und man muss sich oft den Vorwurf anhören: Habt ihr keine anderen Probleme? Da wird geschossen, Menschen fliehen und ihr demonstriert dagegen, dass ihr eine Maske tragen müsst? Stellt euch doch mal nicht so an! Maske auf und Mund halten! Dazu fällt mir zunächst ein, dass diese beiden Dinge nicht besonders viel miteinander zu tun haben. Man ist als Mensch in der Lage, sich mit mehr als
einem Thema zu beschäftigen. Ja, ich kann gegen den Krieg in der Ukraine sein, Geflüchtete aufnehmen und spenden, und ich kann gleichzeitig die Corona-Maßnahmen als das kritisieren, was sie sind: übergriffig, autoritär und ziemlich sinnlos. Es geht beides!

Der Zustand der Welt war schon vor Corona nicht besonders rosig. Armut, Hunger, Bürgerkriege waren immer vorhanden – und all diese Dinge wurden durch die Corona-Lockdowns übrigens in einem Ausmaß befeuert, dass einem das kalte Grauen kommt. Die Bilanz der Corona-Maßnahmen ist global gesehen auf jeden Fall negativ. Wenn man jetzt also den Ukraine-Krieg unbedingt als Argument an den Haaren herbeiziehen will, dann geht das genauso gut umgekehrt: Hey, woanders ist Krieg, und die deutsche Regierung will uns immer noch mit Maßnahmen schikanieren? Könnte man das Heidengeld, das dafür immer noch ausgegeben wird, gerade in dieser Zeit nicht wirklich sinnvoller verwenden? Sind unsere Corona-Maßnahmen nicht längst ein Luxusproblem?

Wir sehen, diese beiden Dinge lassen sich genauso gut auch umgekehrt aneinanderschrauben. Die Wahrheit ist: Es hat nichts miteinander zu tun. Außer in einem sehr allgemeinen Sinn, als dass Demokratie und Bürgerrechte immer wieder verteidigt werden müssen, egal ob sie von außen oder von innen angegriffen werden, ob Regierungen gegen ihr eigenes Volk
übergriffig werden oder andere überfallen. Die Antwort muss immer dieselbe sein: Nein. Bis hierher und nicht weiter.

Wenn die letzten zwei Jahre eins gezeigt haben, dann, dass wir eben nicht allein sind. Auch wenn es sich am Anfang so angefühlt hat. Die Vernunft setzt sich am Ende durch, auch wenn es mal länger dauert. Mit dieser Zuversicht ziehen wir jetzt alle mal los und vertrauen darauf, dass wir mit unseren Mitmenschen eine Gesprächsbasis haben, so wie das bis Anfang 2020 war und ab sofort wieder sein wird.

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